Fashion Tatort: Flughafen

Ist uns alles egal geworden?

Sommerurlaub! Da sollte man ja unbedingt vorher noch einmal shoppen gehen. Gebrauchen könnte Frau: Bikinis, neue Flip Flops, eine Strandtasche, eine schicke kleine Abend-Tasche, schöne hohe Schuhe, Sonnencreme und ganz viele fließende oder vielleicht sogar raffiniert gewickelte Kleider für die Abende im Hotel Restaurant. Ein jeder soll schließlich auf direktem Blicke sehen wie braun gebrannt und urlaubsreif man ist. Außerdem weiß man ja nie wen man trifft! Mani- und Pediküre sollte selbstverständlich auf dem aktuellsten Stand sein, der obligatorische Friseur Besuch fürs perfekte Tropen-Blowout darf auch nicht fehlen.

Morgen früh um 5 Uhr startet das Flugzeug in die Lüfte-Und was ziehe ich denn da nun an? Ich denke meine Schlafhose und ein Hoodie reicht, dazu die weißen Sneaker, perfekt! Bequem und lässig…schließlich will ich den anderen Reisenden am Flughafen ja zeigen, dass es mir völlig egal ist wie ich aussehe! Moment……

In dieser Kombination hat das wohl noch niemand so gesagt. Auch hat wohl noch nie jemand gesagt, dass er sich so sehr herausputzt für den heiß ersehnten Urlaub, nur um dann am Flughafen verschlafen und gleichgültig dreinzuschauen. Der Spiegel dieser Laune, längst sichtbar für andere Reisende: die eigene Garderobe.

Dass wir längst unsere Sonntagskleidung aus dem Kleiderschrank verbannt haben, und grundsätzlich lieber auszusehen vermögen als hätten wir temporären Ausgang von einem Langzeit Krankenhausaufenthalt, als uns in „unbequeme“ schicke Klamotten zu schmeißen, sollte längst klar sein. Wenn die Denim-triefenden, Ed Hardy infizierten 2000er-Jahre uns eine Sache außer sehr sehr dünne Schals aus Glitzergarn beschert haben, dann ist das Faulheit. Aber wer hat überhaupt dieses Gerücht in die Welt gesetzt Eleganz bedeute unbequeme Kleidung?

Nirgendwo sonst entsteht ein solcher Fashion Tatort so homogen wie an Deutschen Flughäfen. Mit den im historischen Vergleich sinkenden Preisen der innereuropäischen Flüge sinkt augenscheinlich auch unsere Motivation uns zumindest angebracht zu kleiden. Dass scheinbar niemand mehr im Klaren darüber ist, wie man sich denn überhaupt kleiden solle zeigen unlängst Kategorien wie „casual“, „business casual“, „smart casual“ (?), die uns schon lange nicht mehr retten können.

„We flying first class, up in the skyPoppin‘ champagne“

https://www.ullsteinbild.de/series/1.4764600 Mediennummer:
4.02491191

Fergie besang 2007 nostalgisch die glorreichen Zeiten des Fliegens. Davon ist heutzutage jedoch höchstens die Uniform der Stewardess übrig geblieben. Es bleibt eine Frage der Zeit, wann auch die Damen und Herren der Lüfte ihre raffinierten Uniformen und Kostüme gegen ein legereres Crew-Outfit eintauschen dürfen. Die restlichen Passagiere im Flugzeug tun dies nämlich schon seit Jahren, einen casual Flug, wünsche ich!

Es scheint, als verstehe Mann und Frau heutzutage unter „Bequemer Garderobe“ die melierte Lockerheit der Freizeithose, anderweitig auch „Jogginghose“ genannt, wobei es fraglich bleibt, wer mit dieser erdrückenden Grammatur am Körper wirklich Joggen gehen möchte. Lagerfeld und seine berühmte Meinung über Jogginghosen, ob sie nun jemals von ihm so gesagt wurde oder nicht, trägt eine Wahrheit kund. Muss Bequemlichkeit unbedingt… so aussehen?

Sexy Sixties

Die Anfänge der Passagierflüge werden popkulturell und historisch als neue Ära eingestuft, sodass es einen eigenen Epochen-Namen dafür gibt. Das „Jet-Age“. Das Fliegen für jedermann befand sich in den 1960er Jahren noch in den Kinderschuhen. Umso aufregender war sie natürlich, nicht nur die plötzlich greifbare Ferne erleben zu können, sondern auch die Reise dorthin anzutreten.

Ein Exkurs in unsere Geschichte und vor allem die der Passagierluftfahrt zeigt: Das Image des Fliegens wandelte sich ständig. Nach Ende des ersten Weltkrieges gab es Piloten und Maschinen zu genüge. Anstatt Waffen sollten diese nun Menschen transportieren.

Einchecken am Frankfurter Flughafen 1974
Foto FraPort Archiv über https://www.uni-hamburg.de/newsroom/exzellenzstrategie/2025/0131-jetage.html abgerufen.

Und der Glitz und Glamour des frühen Reisens schlug ein. Stewardessen waren der Inbegriff einer post-kriegerischen Weiblichkeit. Besonders die Vereinigten Staaten hoben ihre Damen der Lüfte als Idealfrau hervor. Gerade in der durch weibliche Hausarbeit geprägten US-amerikanischen Nachkriegsgesellschaft steht die Stewardess als Symbol von Fortschritt, von einer „modernen“ arbeitenden Frau. Eine, die immer noch im Rahmen bleibt, sie bedient und umsorgt ihre (oft vor allem männlichen) Passagiere an Bord. Sie serviert, räumt ab, berät, lächelt und vor allem: sie sieht gut aus. Die gepflegten Frisuren, die Pumps und Strümpfe, das von der Airline festgelegte Make-up und die gestriegelte Uniform in den Farben ihrer Fluggesellschaft: all das beeindruckt Passagiere um die ganze Welt. Für die USA bedeutet das: Inszenierung als Siegermacht des zweiten Weltkrieges weltweit, auch und besonders an globalen Flughäfen durch ihre hübsch zurechtgemachten Piloten und Flugbegleiterinnen. Was die amerikanische Dame der Lüfte aber vor allem auch in die Welt hinaus schreit: der Export eines Weiblichen Idealbildes. Eine amerikanische Stewardess ist ein pures Sexsymbol der 1960er Jahre. Der Rock wird eben nicht nur am Boden kürzer, sondern ein Minirock a la Mary Quant machte sich abermals auch über den Wolken breit.

1968, Southwest Airline in Texas

Money, Money, Money, must be funny, in the rich man’s world!

Das Fliegen war ein prestigeträchtiges Event. So zog man sich eben auch an. Mode an Bord war ähnlich wie die Mode 10000 Meter weiter Richtung Boden. Provokativ, sexy, ausdrucksstark, bunt, fröhlich und mutig. Diesen Mut zeigten Airlines durch das Anheuern weltweitbekannter Modeschöpfer und Schöpferinnen, die diverse Kollektionen für Flugbegleiterinnen entwarfen. Auch für die Passagiere galt: Wer fliegt, der ist wer! Es lässt sich vermutlich kein Beispiel finden dieses exklusive Gefühl mit heutigen Veranstaltungen zu vergleichen. Der Beginn der Passagierluftfahrt ist für alle Beteiligten revolutionär. Und vor allem: Teuer. Ein Rundflug von London nach New York mit Pan American World Airlines kostete 1960 555$, heute umgerechnet 4000 Dollar. Die Boeing 707 ging 1957 an den Start und markierte eine Zäsur in der Geschichte des Passagierflugs. Der Kommerzielle Start des Flugzeugs durch PanAm im Jahre 1958 zeigt der Welt und vor allem der UDSSR: Die USA ist der Chef am Himmel. Der „Jet Set“ war geboren. Mit dem nötigen Kleingeld ließ sich ohne Probleme für New Yorks High Society ein Frühstück auf der Upper East Side und ein spätes Abendessen in Rom genießen. Und am Nächsten Morgen könnte es auf schnellstem Wege nach London in einen exklusiven Tea Room nahe des Buckingham Palace gehen, bevor man die Transatlantische Rückreise antritt. Es wird also deutlich, wer mit dem Flugzeug reist, der hält etwas von sich und vor allem hält er ungerne den Geldbeutel zurück. Selbstverständlich treten Sie eine solche Reise nicht in legerer Garderobe an!

Kollektion von Mary Quant, 1973 für britische Airline „Court Line Aviation“

Was ist passiert?

Es lässt sich also festhalten: Mode und Fliegen sind zwei Konzepte, die seit Anbeginn der Zeit zueinander gehören. Unsere Vorfahren kleideten sich, im individuellsten Zeitalter bis dato, dem 20. Jahrhundert, stets äußerst überlegt. Kein anderes Jahrhundert, selbst unser aktuelles nicht, konnte eine so klare Sprengkraft zwischen Mode und Gesellschaft zeugen. Ganze soziale Gruppen konnten an Kleidung ausgemacht werden, soziale Schichten, politische Einstellungen und generationelle Erfahrungen sind im langen 20. Jahrhundert ausnahmslos an Kleidung gebunden. Stoffe, Farben, Muster, Schnitte, Accessoires und Frisuren, alles kann datiert werden. Die Mode des Kaiserreichs unterscheidet sich von der der 1920er Jahre, die unterscheidet sich von den textilen Sitten der Kriegsjahre und der der 1950er Jahre. Die 80er scheinen schon fast aus der Zukunft zu entstammen, schließlich folgen die 90er und 2000er, die wir (bedauerlicherweise) bis heute nachahmen. Aber: Was hat all das mit dem Fliegen tun? Ganz einfach: Mode war seit eh und je ein Zeichen des Anstandes. Ein Ausdruck von Respekt. Die falsche Kleidung zum falschen Anlass ein absolutes No-Go. Was ist passiert?

Warum wir heutzutage am Flughafen lediglich schlecht kombinierte Freizeitkleidung oder gar die sonst nur auf der Couch akzeptierte melierte Kapuzen-Garnitur tragen, ist mir ebenso schleierhaft wie die Preise am Flughafen Café. Ein Blick auf deutsche Flughäfen zeigt also:

Das „JetAge“ ist längst vorbei, wir sind längst gewöhnt an das Fliegen. Unsere Wahl der Kleidung eröffnet einen tiefen Blick in unser Inneres, egal ist uns dabei längst alles. Kleider machen nicht mehr Leute, Gottfried Keller fällt in Ungnade und ich frage mich: Wann sind wir uns nicht mehr egal?

Quellen

Homberg, M. (2024). High Life. Jet-Setters, Playboys, and the Global High Society, 1950s to 1970s. Historical Social Research / Historische Sozialforschung, 49(4), 47–67. https://www.jstor.org/stable/27342245

Edward Housman. (1955). Civil Jet Age Is upon Us. The Science News-Letter, 68(10), 154–155. https://doi.org/10.2307/3935550

A. C. Monahan. (1952). America’s Jet Age. The Science News-Letter, 62(6), 90–91. https://doi.org/10.2307/3931312

https://www.dailymail.co.uk/travel/travel_news/article-3454571/The-height-fashion-mini-skirts-boots-Vivienne-Westwood-creations-evolution-cabin-crew-uniforms-1940s-today.html

https://www.uni-hamburg.de/newsroom/exzellenzstrategie/2025/0131-jetage.html

https://www.luftfahrtgeschichte.com/passagierfracht.html

https://www.blb-karlsruhe.de/aktuelles/ausstellungen/faszination-fliegen/anfaenge-des-flugtourismus

https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/JFKI3N4IX2OYMXUW7VMKMYELIE5NJNWJ

https://www.wn.de/welt/leute/lagerfeld-und-der-jogginghosenspruch-zeit-fuer-spurensuche-2540363

https://www.lovemoney.com/galleries/107341/how-air-travel-has-changed-in-the-last-100-years?page=9

https://www.mightytravels.com/2024/09/the-golden-age-of-air-travel-exploring-pan-ams-1960-transatlantic-fares-and-their-modern-equivalents

https://www.flugrevue.de/zivil/60-jahre-flug-revue-rueckblick-1956-1965

Foto aus „Der Teufel trägt Prada“, 2006 abgerufen unter: https://www.gala.de/lifestyle/film-tv-musik/meryl-streep–wunderbar-wandelbar_20646182-20646210.html