Ein Gefecht gegen Kleid und Pumps?
Ein junger Modeschöpfer schockt die Pariser Haute Couture der 1940er Jahre, es entsteht eine Silhouette, die die Kleider der Damen für die nächsten Jahre prägen soll. Heutzutage bleibt wenig übrig von dieser Fashion-Norm. Sind wir überfordert? – ein Rundumschlag.
Aus Seide, gepunktet, plissiert, gerafft, tailliert, bodenlang, mit Rüschen, Federn, Pailletten oder Streifen. Ein Kleidungsstück verdreht Frau seit Jahrhunderten den Kopf: das Kleid. Immer gut gekleidet, immer zügig angezogen. Und jede Epoche unserer Vergangenheit bringt ihre eigenen Forderungen an das Kleid mit sich. Schließlich trugen alle Frauen des 20. Jahrhunderts: das Kleid ihrer Zeit. Ob Kaiserreich, Republik, Jazz bis zum Morgengrauen oder Wirtschaftskrise. Ob Faschismus mit strenger Uniform oder Konsumparadies mit Petticoat. Die Mode macht erfinderisch und das Kleid überlebte alle Phasen.
Christian macht‘s neu
In den 1950er Jahre wird etwas angestoßen, was bereits seit Jahrzehnten vergessen schien: Die textile Weiblichkeit. Ein Modeschöpfer belebt dieses Konzept skandalös neu: Christian Dior. Sein „New Look“ ist bereits 1947 eine Zäsur in der Frauenmode. Christian findet: eng soll sie sein, die Taille und weit soll er fallen, der Rock. Geheimnisvoll strahlt das zarte Gesicht, hinter einem dramatischen Hut-Ensemble. Dior, der erst ein Jahr zuvor sein Unternehmen „Christian Dior S.A.“ gründete, gelang mit seiner ersten Kollektion ein Paukenschlag. Die Pariser Haute Couture geriet in Rage. Der Mythos besagt, dass die damalige Harper‘s Bazaar Chefredakteurin Carmel Snow Dior nach der Modenschau am 12. Februar 1947 zusteckte „your dresses have such a new look“. Und so war es nach Jahren des Krieges wieder da. Das Kleid mit schmaler Taille und weitfallendem Tellerrock war eine Ansage gegen das emanzipierte, kastenförmige Kleid der androgynen 20er Jahre, und gegen das hochgeschlossene Wollkostüm der 40er. Der New Look war eigentlich nicht neu, er ist eine Hommage an die Romantik, an Tradition, an die Königshäuser und an das vergangene Jahrhundert. Seine Silhouette ließ das Unternehmen Christian Dior zum Meinungsmacher der kommenden Saisons heranwachsen. Franz Christian Gundlach, ein Modefotograf der 50er Jahre spricht in einem Interview mit Alise Ehlert über Diors Fashion Diktat. Auf die Frage, wie es die Mode der 1950er Jahre wahrnimmt sagt er 2010 „Ich habe damals oft die französischen Haute-Couture-Kollektionen fotografiert. Christian Dior hat mit seinem „New Look“- ich nenne ihn immer die modische Beendigung des Zweiten Weltkrieges- den entscheidenden Impuls gegeben. Die erzwungene Uniformität konnte abgelegt werden, die Frauen wurden mit den weiten Röcken und schmalen Taillen wieder sehr feminin.“
Was Frankreich kann, kann Deutschland schon lange, so schien es. Denn bereits einige Monate später kam der New Look auch in die C&A Filialen des vom Krieg gezeichneten Landes. Gegründet wurde das Unternehmen im Jahre 1841, zwanzig Jahre später gab es dort Damenbekleidung zu erwerben. In den 1950er und 60er Jahren spezialisierte sich der Konzern dann auf die Konfektionsware. C&As Designer lieferten Entwürfe ähnlich zu der sündhaft teuren Haute Couture Pariser Designer wie Coco Chanel, Christian Dior oder Yves Saint Laurent. Die deutsche Frau möchte schließlich genauso verführerisch daher gleiten wie eine Parisienne oder eine kurvige femme fatale. Diese Sehnsucht nach dem Pariser Chic schlägt sich auch in lokaler Berichterstattung nieder. 1949 veröffentlicht die Rhein-Neckar Zeitung einen Beitrag zum Pariser Modezirkus. In der RNZ-Ausgabe vom 18. März 1949 beschreibt ein Redakteur unter dem Titel „Pariser Modebericht“ die Anforderungen an das moderne Kleid. Die Taille werde nun eng und rutsche höher, der Rock kommt oben schmaler und unten fallend daher, so fasst er zusammen, wie die modische feine Dame Frankreichs zu kleiden vermag. 1953 folgte auf den „New Look“ die von der Bevölkerung und Presse häufig als „Shock Look“ bezeichnete Weiterentwicklung. Die Saumlänge hebt sich nun auf weitere 40 cm. Die RNZ berichtet auch hier. Wir sehen, Heidelberg war also für seine Leserinnen und Leser stets am Zahn der (modischen) Zeit.
Das Gefecht gegen Kleid und Pumps
Gegenwärtig wohnt die Qual der Wahl fest in den Kleiderschränken des Landes. Die Frage danach, in was sich Frau einkleidet, scheint heutzutage größer als eh und je. Die textilen Auswahlmöglichkeiten sind schier unendlich. Schnelllebige Onlinemode aus dem fernen Osten, per DHL versandte Gebrauchtkleidung und sündhafte Fehlkäufe, erworben in sanierungsbedürftigen Einkaufszentren der Bundesrepublik. Alle zusammen streiten sie sich um die Aufmerksamkeit ihrer Träger und um die Bügel im Schrank. Paradox ist jedoch, dass die Optionen uns durch Kleidung auszudrücken in hundertfacher Form im Pax Schrank hängen, und doch tragen scheinbar alle das Gleiche. Zugegebenermaßen eine recht zynische Sicht auf die deutsche Fashion-Situation. Doch blickt man auf die Preise für „Mode“, die vor der Konfektionsware einer Investition und der Beschäftigung eines Schneiders verlangten, merkt man heute: vor allem billig soll sie sein. Für den schmalsten Taler können wir uns von Kopf bis Fuß einkleiden (mit Abstrichen in Sachen Ethik und Moral) und doch sind es die Jeans und die Sneaker, die jeden Morgen das bitterliche Gefecht gegen Rock und Pumps und Anzug und Krawatte gewinnen. Bequemlichkeit, ist hier das meistgenutzte Argument. Bequeme Schuhe, ein Hoodie und ein bequemer Rucksack. Daran ist nichts falsch. Es ist erstaunlich, dass wir alle Freiheit haben, wie wir uns kleiden möchten. Dabei scheint es so, als gebe uns die Freiheit aber vor allem eines: blanke Überforderung. Die letzten Jahre waren es die 2000er Jahre, die erneut en vogue sind. Bekannt ist: alles in der Mode kommt wieder. Aber Christian, wann kommt es denn wieder, das Kleid?